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Influencer - Reichweite ist nicht alles

Die Reichweite der Influencer auf YouTube scheint das wichtigste Kriterium dafür zu sein, wer Merkel und Co. befragen darf. "Mich hat das enttäuscht", schreibt unser Blogger Danilo Zoschnik. Er stellt sich die Sache anders vor.
Screenshot aus dem YouTube-Interview mit Angela Merkel

Vor kurzem kam es zu zwei Situationen, wie es sie sonst in meinem Freundeskreis nicht gibt. Wir schauten alle zusammen im Livestream sowohl das Interview mit Angela Merkel, wie auch das mit Martin Schulz. Beide waren von einem YouTube-Netzwerk organisiert worden. Viele in meinem Alter haben Interesse an solchen Aktionen.

Die Politiker*innen traten trotz der speziellen Zielgruppe wie gewohnt auf – öffentlichkeitsgeübt eben. Das war okay, denn eine besonders coole Frau Merkel oder einen hippen Herrn Schulz, das wär eher unglaubwürdig. Was uns aber deutlich überraschte, waren die Interviewer*innen. Neben Mirko „MrWissen2Go“ Drotschmann – politikaffiner Journalist und YouTuber – saßen dort nämlich Menschen, die in ihren Videos sonst Produkte vorstellen, Videospiele zocken oder Lifestyle-Tipps geben.

„Warum ausgerechnet die?“, dachte ich mir schon, als das erste Interview angekündigt wurde.

Die Reichweite dieser Influencer, auch wenn sie weder für mich, noch für die Menschen aus meinem unmittelbaren Bekanntenkreis eine Rolle spielen, wird sie wohl in dieses Studio gebracht haben. Mich hat das enttäuscht. Denn es ist nicht so, als gebe es auf YouTube außer „MrWissen2Go“ nicht noch andere Kanäle, die sich mit politischen Themen beschäftigen. „MrTrashpack“ beispielsweise produziert momentan zusammen mit der Bundeszentrale für Politische Bildung ein Format, das über das Thema Fake News moderne Medienkompetenz schulen soll.

Verschenktes Potential

Ein Freund, der mitgeschaut hatte, gab zu bedenken, dass man mit der Auswahl der Interviewenden wohl gerade auch deren Stammpublikum ansprechen wollte. Mein Eindruck aber ist: Die Abonnenten sind sehr jung, mitunter noch nicht einmal 16 und auch wenn ich klar für eine Absenkung des Wahlalters und für breite Informationsmöglichkeiten Jugendlicher im Allgemeinen bin, sehe ich da großes Potential verschenkt. Denn während Mirko Drotschmann noch die eine oder andere kritische Nachfrage und eine anspruchsvolle Gesprächsführung gelang, drifteten die anderen oft ins Banale bis sehr Uninformierte ab.

Danilo Zoschnik

Der Autor
Danilo Zoschnik hat gerade sein Abitur in Eberswalde gemacht und nun Zeit, die Wochen bis zur Bundestagswahl bei uns durchzubloggen.

Was bei mir bleibt, ist ein zwiespältiges Gefühl. Ich finde es einerseits gut, dass auch in sonst unpolitischen YouTube-Communities durch deren Stars, die zum Wählen aufrufen und kontroverse Themen besprechen, ein Bewusstsein für politische Prozesse geschaffen wird. Ich würde mir aber wünschen, dass so etwas in Zukunft in sinnvoller aufbereiteter Form passiert. Das Bündnis „YouTuber gegen Hass“ beispielsweise, das im letzten Jahr mit sehr unterschiedlichen Formaten argumentativ rechte Hetze zerlegt hat – das fand ich sehr ansprechend. Und die Kommentare unter den Videos zeigten, dass es da eine Menge Zustimmung gab.

LeFloid hat sich benutzt gefühlt

Nach den Interviews mit Merkel und Schulz hingegen mussten sich die Verantwortlichen viel Kritik gefallen lassen, die in Teilen auch berechtigt war. Was man ihnen allerdings zu Gute halten muss, ist, dass sich das Netzwerk selbst organisiert und auf Regeln verständigt hatte, die alle Beteiligten konsequent eingehalten haben. Es gab keine vorab bekannten Fragen, die Sendung wurde nicht vorproduziert. In dieser Hinsicht hat man also auch aus dem letzten Interview des YouTube-Stars „LeFloid“ mit der Kanzlerin gelernt – er hatte sich anschließend benutzt gefühlt.

Wenn der Trend sich fortsetzt, dass politische Inhalte auf der Plattform künftig anspruchsvoller werden und so auch mehr Vertrauen in die Zielgruppe gesetzt wird, dann finde ich es super, wenn damit noch mehr junge Menschen angesprochen werden können!
 

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